Mehr Kraft im Alltag
Protein im Fokus bei Prostatakrebs
03.09.2026 I Lesedauer: ca. 6 Minuten
Viele Männer mit Prostatakrebs merken im Verlauf ihrer Erkrankung vor allem eines: Die eigene Muskelkraft lässt nach. Treppen, die früher kein Thema waren, bringen schneller aus der Puste, das Tragen der Einkaufstaschen strengt deutlich mehr an, selbst kurze Wege brauchen mehr Pausen. Solche Veränderungen werden leicht dem Alter oder „der Therapie“ zugeschrieben – oft steckt jedoch auch ein veränderter Proteinhaushalt dahinter.
Protein – auch Eiweiß genannt – ist der wichtigste Baustein für Muskeln, Abwehrkräfte und Regeneration. Gerade während einer Prostatakrebstherapie trägt eine gute Proteinzufuhr über die Ernährung entscheidend dazu bei, Muskelkraft zu erhalten, den Stoffwechsel zu stabilisieren und Nebenwirkungen besser zu verkraften.
Protein: Der Baustoff für Muskeln, Zellen und Immunabwehr
Proteine gehören neben Kohlenhydraten und Fetten zu den wichtigsten Nährstoffen des Körpers. Sie sind an der Struktur nahezu jeder Zelle beteiligt und übernehmen zahlreiche Aufgaben, ohne die wir nicht überleben könnten. Ein großer Teil des Körpereiweißes steckt in der Muskulatur – sie macht etwa die Hälfte des gesamten Eiweißpools unseres Körpers aus.
Darüber hinaus dienen Proteine als Baustoff für Binde- und Stützgewebe, unterstützen die Immunabwehr und sind an der Bildung von Enzymen, Hormonen und verschiedenen Blutbestandteilen beteiligt. Kurz gesagt: Eine ausreichende Proteinzufuhr hilft dem Körper, seine Substanz zu erhalten, auf Belastungen zu reagieren und sich immer wieder zu regenerieren.
Warum steigt bei einer Krebserkrankung der Proteinbedarf?
Mit einer Krebserkrankung läuft der Stoffwechsel auf Hochtouren. Entzündungsprozesse, Tumorstoffwechsel, Operationen und Therapien wie Bestrahlung, Chemotherapie oder Hormonentzug belasten den Körper zusätzlich. Gleichzeitig lässt häufig die körperliche Aktivität nach, weil sich Betroffene müde und geschwächt fühlen. Dies bringt den Proteinumsatz des Körpers aus dem Gleichgewicht und der Bedarf an Protein steigt deutlich an.
So viel Protein benötigt der Körper mit einer Prostatakrebserkrankung
Bei Krebspatienten erhöht sich der Proteinbedarf auf etwa 1,2 bis 1,5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Liegen starke Entzündungsprozesse vor, kann der individuelle Bedarf sogar auf bis zu 2,0 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht ansteigen. Ihr individueller Proteinbedarf ist abhängig vom Stadium der Erkrankung und der Therapiesituation. Zudem haben Begleiterkrankungen wie z. B. eine Nieren- oder Lebererkrankung Einfluss, wie viel Protein Sie zu sich nehmen sollten.
Für einen Mann mit 80 Kilogramm Körpergewicht bedeutet das:
Statt rund 64 Gramm Protein pro Tag (0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht ohne Tumorerkrankung) braucht er mit Prostatakrebs 80 bis 120 Gramm Protein täglich, um gut versorgt zu sein. Erhöhen Sie jedoch Ihre Proteinzufuhr immer gemeinsam mit Ihrem Behandlungsteam oder im Rahmen einer Ernährungsberatung.
Welche Auswirkungen kann ein Proteinmangel haben?
Wenn über längere Zeit zu wenig Protein über die Nahrung aufgenommen wird, holt sich der Körper die notwendigen Proteine aus der Muskulatur. Das bleibt nicht ohne Folgen:
Treppensteigen, Gartenarbeit oder Reha-Übungen werden zunehmend anstrengend. Die gewohnte Kraft und Ausdauer nehmen spürbar ab. Auch alltägliche Tätigkeiten wie Einkaufen, längeres Gehen oder das Aufstehen aus einem Stuhl können schwerer fallen.
Ein anhaltender Proteinmangel begünstigt eine Mangelernährung. Diese kann den Krankheitsverlauf und die Therapie negativ beeinflussen und damit die Prognose verschlechtern. Schon ein Gewichtsverlust von 5% innerhalb von drei Monaten kann darauf hindeuten, dass der Körper mit zu wenig Energie, Eiweiß und Nährstoffen versorgt ist.
Ist der Körper nicht ausreichend mit Protein versorgt, kann er sich von Operationen, Bestrahlung oder Chemotherapie schlechter erholen. Nebenwirkungen können stärker ausfallen. Therapien müssen manchmal in der Dosis reduziert oder unterbrochen werden.
In fortgeschrittenen Stadien entsteht ein ausgeprägter Gewichts- und Muskelverlust, der sich nur schwer aufhalten lässt und die körperliche Leistungsfähigkeit deutlich einschränkt. Die genauen Ursachen einer Tumorkachexie sind noch nicht geklärt. Vermutet wird ein komplexes Wechselspiel zwischen Tumor, Stoffwechsel- und Immunprozessen, das einen Entzündungsprozess im Körper auslöst.
Welche Lebensmittel liefern die Extraportion Eiweiß?
Eine pflanzenbasierte Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten ist die gesunde Basis Ihres Speiseplans. Während einer Krebserkrankung ist der Bedarf an Energie und Eiweiß jedoch erhöht. Dann reicht die übliche pflanzenbetonte Kost oft nicht mehr aus und es ist wichtig, sie gezielt um proteinreiche Nahrungsmittel zu ergänzen – aus pflanzlichen und auch aus tierischen Quellen. Wenn Sie sich vegetarisch ernähren, achten Sie besonders darauf, Ihren erhöhten Proteinbedarf zu decken. Ihr Behandlungsteam kann Sie dabei unterstützen, geeignete Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel auszuwählen und Ihre Proteinversorgung im Blick zu behalten.
Pflanzliche Eiweißquellen:
- Hülsenfrüchte (z. B. Linsen, Kichererbsen, Bohnen, Erbsen)
- Sojaprodukte (z. B. Tofu, Tempeh, Sojajoghurt)
- Nüsse und Kerne (z. B. Mandeln, Walnüsse, Kürbis- und Sonnenblumenkerne)
- Vollkorngetreide (z. B. Haferflocken, Vollkornbrot, Quinoa)
Tierische Eiweißquellen:
- Fisch (z. B. Lachs, Forelle, Kabeljau)
- Fleisch (z. B. Hähnchen, Pute, mageres Rind)
- Eier
- Milchprodukte (z. B. Joghurt, Quark, Käse)
Wenn Essen schwerfällt: Unterstützung durch Trinknahrung und Eiweißpulver
Während einer Prostatakrebstherapie kann es Phasen geben, in denen Appetit, Geschmack oder Verdauung gestört sind – zum Beispiel nach einer Operation, während einer Bestrahlung oder einer Chemotherapie. In dieser Zeit ist es oft kaum möglich, den erhöhten Eiweiß- und Energiebedarf ausschließlich über normale Mahlzeiten zu decken.
Hier können medizinische Zusatzprodukte sinnvoll sein, die gezielt auf die Bedürfnisse von Menschen mit Krebs abgestimmt sind. Diese Produkte gibt es auch „auf Rezept“ aus der Apotheke:
- Trinknahrung: Trinkfertige Produkte mit hohem Eiweiß- und Energiegehalt, die zusätzlich zu den Mahlzeiten eingenommen werden. Sie sind speziell für Patienten mit (drohender) Mangelernährung entwickelt.
- Eiweißpulver: Neutrale oder aromatisierte Pulver, die in Speisen oder Getränke eingerührt werden können, zum Beispiel in Joghurt, Suppen oder Shakes, um den Eiweißgehalt zu erhöhen.
Welche Produkte im Einzelfall geeignet sind, sollte immer mit dem Behandlungsteam oder einer ernährungstherapeutischen Fachkraft abgesprochen werden – insbesondere, wenn Begleiterkrankungen wie Nieren- oder Lebererkrankungen vorliegen.
Aufgepasst: Nicht jedes „High-Protein“-Produkt eignet sich für Krebspatienten
Im Supermarkt, in der Drogerie oder im Fitnessstudio begegnen Ihnen proteinangereicherte Produkte inzwischen an jeder Ecke – vom Riegel über den Pudding bis zum Kaffeegetränk. Was wie eine einfache Lösung wirkt („Hauptsache viel Eiweiß“), ist bei einer Krebserkrankung jedoch nicht automatisch geeignet. Viele dieser „Lifestyle-Protein-Produkte“ enthalten Zusätze wie Süßungsmittel, Koffein, Kreatin oder hochdosierte Vitamine und Mineralstoffe. Diese Zusatzstoffe können bei einer Krebserkrankung unerwünschte Wirkungen haben oder mit Medikamenten wechselwirken.
Wägen Sie deshalb gut ab, ob solche Produkte für Sie sinnvoll sind oder ob Sie Ihren Eiweißbedarf vorzugsweise über eine ausgewogene, eiweißreiche Ernährung decken können.
Ernährungsberatung – immer eine gute Idee!
Eine qualifizierte Ernährungsberatung ist für Krebspatienten eine wichtige Säule der Therapie. Sie hilft, den individuellen Proteinbedarf zu bestimmen, einer Mangelernährung vorzubeugen und die körperlichen Kräfte gezielt zu stärken. So kann sie dazu beitragen, die Behandlung besser zu vertragen und die Lebensqualität im Alltag zu bewahren. Nähere Informationen erhalten Sie bei Ihrer behandelnden Praxis oder Klinik, bei onkologischen Schwerpunktpraxen oder bei speziell fortgebildeten Ernährungsfachkräften mit Erfahrung in der Onkologie.
Literatur
- E. Höfler, P. Sprengart. Praktische Diätetik: Grundlagen, Ziele und Umsetzung der Ernährungstherapie. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 1. Auflage, 2012.
- Centrum für Integrierte Onkologie (CIO). Ernährung bei Krebs. 2024.
- Leitlinienprogramm Onkologie (DKG, Deutsche Krebshilfe, AWMF). S3-Leitlinie Klinische Ernährung in der Onkologie. Langversion 1.0, Januar 2026.
- Leitlinienprogramm Onkologie (DKG, Deutsche Krebshilfe, AWMF). Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen. Langversion 2.0, April 2025.
- https://www.was-essen-bei-krebs.de/eiweiss/
- https://www.was-essen-bei-krebs.de/wp-content/uploads/2020/02/Eiwei%C3%9Fgehalt-von-Lebensmitteln.pdf
- https://www.was-essen-bei-krebs.de/was-essen-bei/mangelernaehrung/
Das könnte Sie auch interessieren