Prostatakrebs: Wenn jedes Kilo zählt
Ein stabiles Gewicht unterstützt die Therapie und verbessert die Prognose
04.06.2026 I Lesedauer: ca. 5 Minuten
Während einer Prostatakrebstherapie verändert sich der Blick auf die Waage: Sowohl rasches Abnehmen als auch deutliches Zunehmen können Hinweise darauf sein, dass Ihr Körper aus dem Gleichgewicht geraten ist. Das ist gerade bei einer Prostatakrebserkrankung relevant. Denn ungewollter Gewichtsverlust schwächt körperliche Reserven und kann zu einer Mangelernährung führen. Eine starke Gewichtszunahme – etwa unter Hormonentzugstherapie (ADT) und bei weniger Bewegung – begünstigt Bauchfett und Entzündungsprozesse.
Erfahren Sie in diesem Beitrag, woran Sie problematische Gewichtsveränderungen erkennen, warum ein stabiles Gewicht für Ihre Prostatakrebstherapie so wichtig ist und was Sie gemeinsam mit Ihrem Behandlungsteam tun können, um Gewicht und Muskelmasse möglichst gut zu erhalten.
Stabiles Gewicht als wichtige Säule der Prostatakrebstherapie
Ungewollter Gewichtsverlust ist eines der am meisten unterschätzten Risiken einer Krebserkrankung. Schon etwa 5 Prozent weniger Gewicht in drei Monaten können den Körper schwächen und zu einer Mangelernährung führen. Wenn es gelingt, Ihr Gewicht und Ihre Muskelmasse möglichst beständig zu halten, profitieren Sie gleich mehrfach:
- Ihre Therapien können eher in der vorgesehenen Dosierung und Dauer durchgeführt werden – ohne unnötige Unterbrechungen.
- Nebenwirkungen treten seltener auf und werden häufig als weniger belastend erlebt, weil der Körper über ausreichende Reserven verfügt.
- Ein stärkeres Immunsystem hilft, Infektionen abzuwehren und fördert eine bessere Wundheilung nach Operationen oder Eingriffen.
- Erhaltene Muskulatur unterstützt Mobilität, verhindert Stürze und fördert die Selbstständigkeit im Alltag.
- Eine ungünstige Verschiebung hin zu mehr Bauchfett und weniger Muskelmasse – insbesondere unter Hormonentzugstherapie – kann gebremst oder teilweise verhindert werden.
Warum kommt es bei Krebs so leicht zu Gewichtsverlust?
Viele Menschen verlieren im Verlauf einer Krebserkrankung an Gewicht – oft, ohne es zu wollen. Dahinter steckt meist nicht nur ein einzelner Auslöser, sondern ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren:
- Erhöhter Energieverbrauch: Tumorwachstum, entzündliche Prozesse und Veränderungen im Stoffwechsel führen dazu, dass der Körper mehr Energie verbraucht als zuvor. Gleichzeitig steigt das Hungergefühl nicht im gleichen Maß – manche Betroffene verspüren sogar deutlich weniger Appetit.
- Veränderter Stoffwechsel: Der Organismus greift schneller auf Muskel- und Fettreserven zurück. Muskulatur wird abgebaut, während der Aufbau neuer Muskelmasse erschwert ist. Zudem verliert der Körper häufig die Fähigkeit, bei geringerer Energiezufuhr in einen „Sparmodus“ zu schalten.
- Erschwerte Nahrungsaufnahme: Beschwerden wie Übelkeit, Schmerzen, Durchfall, Verstopfung, Geschmacksveränderungen oder starke Müdigkeit können das Essen zur Belastung machen. Hinzu kommen seelische Faktoren: Angst, Sorge und psychischer Stress nehmen oft die Lust am Essen.
- Radikale Ernährungsumstellungen: Keine noch so im Internet angepriesene Diät kann allein Krebs heilen oder einen Rückfall verhindern - im Gegenteil. Strenge Diäten oder der Verzicht auf ganze Lebensmittelgruppen (zum Beispiel Kohlenhydrate) sowie einseitige „Fastenkuren“ erhöhen das Risiko für gefährlichen Gewichtsverlust zusätzlich. Sie erschweren die ausreichende Aufnahme von Energie und Nährstoffen und können neue Beschwerden auslösen – ohne das Tumorwachstum zu bremsen.
Tumorkachexie: Abbau von Fett- und Muskelmasse durch Mangelernährung
Bei fortgeschrittenen Tumorerkrankungen kann es zu einer Tumorkachexie kommen. Darunter versteht man eine mit Entzündungsprozessen verknüpfte Form der Mangelernährung, bei der vor allem Muskelmasse, Muskelkraft und Muskelfunktion verloren gehen. Häufig sind auch Fettreserven betroffen. Typisch ist, dass das Gewicht ungewollt abnimmt, obwohl Betroffene scheinbar „genug“ essen oder der Kalorienbedarf rechnerisch gedeckt ist. Charakteristische Anzeichen sind:
- deutlicher, oft rascher Verlust von Muskelmasse, teilweise auch von Fettgewebe
- ausgeprägte Müdigkeit und Schwäche schon bei leichten Aktivitäten
- nachlassender Appetit oder frühes Sättigungsgefühl
- zunehmende Einschränkung im Alltag und geringere Verträglichkeit weiterer Therapien
Tumorkachexie ist kein „normales“ Abnehmen, sondern ein komplexer Stoffwechselzustand mit großer Bedeutung für Lebensqualität und Prognose bei Prostatakrebs. Eine frühzeitige, individuelle Ernährungsunterstützung mit ausreichender Energie- und vor allem Proteinzufuhr ist eine wichtige Grundlage, um Muskulatur zu erhalten oder wieder aufzubauen.
Wichtig: Wenn Sie bemerken, dass Sie innerhalb weniger Wochen mehrere Kilogramm verlieren, sich ungewöhnlich kraftlos fühlen oder Kleidung plötzlich deutlich weiter sitzt, sprechen Sie frühzeitig Ihr Behandlungsteam darauf an. Je früher der Gewichtsabnahme entgegengewirkt wird, desto besser lässt sich Ihr Gewicht stabilisieren.
Wie sich eine Hormonentzugstherapie auf das Gewicht auswirkt
Bei Prostatakrebs ist eine Hormonentzugstherapie (Androgendeprivationstherapie/ADT) ein zentraler und sehr wirksamer Baustein der Behandlung. Sie senkt den Testosteronspiegel und kann so das Tumorwachstum verlangsamen. Gleichzeitig bringt sie jedoch Veränderungen der Körperzusammensetzung mit sich: Häufig nimmt die Muskulatur ab, während sich mehr Fett im Bauchraum rund um die inneren Organe einlagert. Dieses Bauchfett ist stoffwechselaktiv und steht mit Entzündungsprozessen im Körper in Verbindung, was das Tumorgeschehen und die Verträglichkeit weiterer Therapien ungünstig beeinflussen kann – vor allem dann, wenn zusätzlich wenig Bewegung und eine eiweißarme Ernährung hinzukommen.
Die gute Nachricht: Sie sind diesen Effekten nicht ausgeliefert. Eine eiweißreiche, ausgewogene Ernährung und angepasste Bewegung können helfen, den Muskelabbau zu bremsen, Bauchfettzunahme zu begrenzen und Entzündungsprozesse günstig zu beeinflussen. In enger Abstimmung mit Ihrem Behandlungsteam lässt sich die Hormonentzugstherapie so oft besser vertragen – bei gleichzeitig vollem Nutzen für die Tumorbehandlung.
Gewicht halten – auch bei Übergewicht
Bei Übergewicht raten Ärzte normalerweise dazu, abzunehmen – zur Vorbeugung unter anderem von Herz Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und manchen Krebsarten. Während einer laufenden Prostatakrebstherapie verschiebt sich der Schwerpunkt jedoch: In dieser Phase steht eine Stabilisierung des Gewichts im Vordergrund – auch wenn Sie ein paar Kilos zu viel auf die Waage bringen. Ihr Körper braucht jetzt eine ausgewogene, überwiegend pflanzenbasierte Ernährung und gleichzeitig genug Energie und vor allem Eiweiß, damit Sie die Behandlung körperlich gut durchstehen.
Eine Gewichtsabnahme während der Therapie kann das Risiko für Mangelernährung und Muskelabbau erhöhen. Sprechen Sie deshalb bei einem Gewichtsverlust, auch wenn er willkommen ist, immer mit Ihrem Behandlungsteam.
5 Alltagsstrategien für ein stabiles Gewicht
Im Alltag entscheiden oft die vielen kleinen Schritte darüber, ob Ihr Gewicht und Ihre Muskelmasse konstant bleiben. Mit gezielten, gut umsetzbaren Routinen können Sie aktiv dazu beitragen, Muskeln zu schützen, Bauchfett zu bremsen und Ihre Therapiereserven zu stärken – ohne Ihren gesamten Tagesablauf auf den Kopf zu stellen.
Wiegen Sie sich etwa einmal pro Woche zur gleichen Zeit (nüchtern, unbekleidet, morgens direkt nach dem Aufstehen) und notieren Sie den Wert. So fallen schleichende Zu- oder Abnahmen früh auf und können rechtzeitig mit dem Behandlungsteam besprochen werden.
Während einer Krebserkrankung steigt der Eiweißbedarf des Körpers von 0,8 g auf 1,2 bis 1,5 g Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht. Planen Sie deshalb zu jeder Haupt- und Zwischenmahlzeit eine Eiweißquelle ein (z. B. Milchprodukte, Eier, Fisch, Fleisch, Hülsenfrüchte, Nüsse). So unterstützen Sie gezielt den Erhalt Ihrer Muskulatur.
Setzen Sie gerne verstärkt auf pflanzliche Lebensmittel wie Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen – sie liefern u. a. wertvolle Vitamine, Ballaststoffe, sekundäre Pflanzenstoffe und pflanzliches Eiweiß.
Kurze Spaziergänge, Treppen statt Aufzug, leichte Alltagsaktivitäten – jede Form von regelmäßiger Bewegung unterstützt die Muskulatur und wirkt sich positiv auf Verdauung, Schlaf und Stimmung aus.
Sprechen Sie Ihr Behandlungsteam an, wenn Sie ungewollt abnehmen, sich schwächer fühlen oder Fragen zur Ernährung haben. Eine qualifizierte Ernährungsberatung kann Ihnen helfen, einen individuellen Plan zu erstellen – bei Bedarf auch mit medizinischer Trinknahrung oder Nahrungsergänzungsmitteln.
Literatur
- https://podcasts.apple.com/at/podcast/folge-5-die-akte-krebs-ern%C3%A4hrung-und-bewegung-als-teil/id1881958963?i=1000763987662
- https://www.was-essen-bei-krebs.de/wp-content/uploads/2023/02/Ernaehrungsbegleiter_Web.pdf
- https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/a-2188-3671
- https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/fileadmin/user_upload/2025-08-22_LL_Prostatakarzinom_Langversion_8.1.pdf
- https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Leitlinien/Ern%C3%A4hrung/Version_1/LL_Klinische_Ern%C3%A4hrung_in_der_Onkologie_Kurzversion_1.0.pdf
https://www.pharmazeutische-zeitung.de/2018-06/krankenhaus-jeder-vierte-eingelieferte-patient-mangelernaehrt/
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