Drei typische Herausforderungen im Alltag mit Prostatakrebs

Und was Männern wirklich hilft

06.08.2026 I Lesedauer: ca. 5 Minuten

Junger und älterer Mann begrüßen sich mit Handschlag und symbolisieren generationsübergreifende Zusammenarbeit, Respekt und Teamgeist.

Nach einer Prostatakrebsdiagnose steht zunächst vieles im Zeichen von Untersuchungen, OP-Planung und Therapieentscheidungen. Gleichzeitig tauchen im Hintergrund Fragen auf, die ganz direkt den Alltag betreffen: Werde ich den Urin halten können? Was passiert mit meiner Sexualität? Wie viel sollen Familie und Freunde überhaupt von meiner Erkrankung wissen?

 

Solche Veränderungen im Bereich Blase, Sexualität und Beziehungen betreffen nicht nur den Körper, sondern auch das eigene Selbstbild: als Partner, als berufstätiger Mensch, als Freund. In diesem Blogbeitrag nehmen wir diese drei sensiblen Bereiche unter die Lupe und zeigen, wie häufig diese Folgen auftreten und was Sie als Betroffener dagegen tun können.

Inkontinenz: Schritt für Schritt zu mehr Blasenkontrolle

Nach einer Operation (Prostatektomie) oder Strahlentherapie kann es – vor allem in den ersten Monaten – zu Urinverlust kommen. Häufig handelt es sich um eine sogenannte Belastungsinkontinenz: Beim Husten, Niesen, Lachen oder Heben entweicht ungewollt Urin. Ursache ist, dass Schließmuskel und Nerven im Beckenbereich durch den Eingriff oder die Strahlung gereizt oder beschädigt sind. Seltener ist eine Dranginkontinenz die Ursache für den ungewollten Urinverlust. Der Harndrang setzt dann schnell und stark ein, obwohl die Blase kaum gefüllt ist.
 

 


 

Was kann ich als Betroffener bei Inkontinenz tun?

Eine Inkontinenz nach der Behandlung sagt nichts darüber aus, ob z. B. die Operation „gut“ oder „schlecht“ verlaufen ist. In vielen Fällen bessert sich die Situation im Verlauf der ersten Monate deutlich – dennoch ist aktive Unterstützung wichtig:

 

    Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, um Form und Ausmaß der Inkontinenz abzuklären und gemeinsam einen Behandlungsplan zu entwickeln.

    Gezieltes Training - möglichst unter physiotherapeutischer Anleitung – ist ein wichtiger Baustein innerhalb der Rehabilitationsphase.

    Einlagen, spezielle Inkontinenz-Slips oder Kondom-Urinale geben Sicherheit im Alltag und können die Lebensqualität deutlich verbessern.

    Mit Biofeedback wird die Spannung im Beckenboden über einen kleinen Sensor gemessen und als optische oder akustische Rückmeldung z. B. am Computer angezeigt – so sehen Sie direkt, wie gut Sie anspannen und entspannen. Bei der Elektro- und Magnetfeldstimulation regen feine Impulse die Nerven an, die für die Blasenfunktion zuständig sind.

    Je nach Inkontinenzform kommen bestimmte Medikamente infrage – immer in enger Absprache mit Ihrem Behandlungsteam.

    Bei anhaltend ausgeprägter Inkontinenz können ein künstlicher Schließmuskel oder Schlingensysteme in Betracht gezogen werden.

     


     

    Mit Prostatakrebs nix mehr los im Bett?!

    Prostatakrebs-Betroffener hält seine Frau lächelnd fest im Arm

    Nach einer operativen Entfernung der Prostata, einer Strahlentherapie oder unter Hormonentzugstherapie kann es auch zu einer erektilen Dysfunktion kommen – oft vorübergehend, manchmal aber auch dauerhaft. Das bedeutet, dass eine Erektion gar nicht mehr oder nicht mehr wie gewohnt zustande kommt. Viele Männer erleben diese Veränderung als starke Verunsicherung in Bezug auf ihre Männlichkeit. Sexualtherapeut Jens Helmig beschreibt ein weitverbreitetes Denkmuster so: „Das Problem ist, dass wir in einer mehr oder weniger patriarchal organisierten Gesellschaft die Erektionsfähigkeit des Mannes und seine Sexualität zusammendenken. Das heißt, für einen Mann ist Sex ohne eine Erektion nicht denkbar. Aber das ist Unsinn.“

     

     

    Grundsätzlich gibt es für sehr viele Ursachen von Erektionsproblemen heutzutage gut funktionierende Lösungen. Aber es lohnt sich auch ein Blick aus ganz anderer Perspektive: Intimität und Sexualität verändern sich im Laufe des Lebens immer wieder – durch eigene Erfahrungen, Trennungen, Elternschaft, zunehmendes Alter und auch durch gesundheitliche Einschnitte wie eine Prostatakrebserkrankung. Man(n) muss immer wieder lernen, mit neuen Situationen umzugehen. Wer bereit ist, offen mit der Partnerin oder dem Partner über diese Veränderungen zu sprechen, kann gemeinsam neue Formen von Nähe und Lust entdecken, die zur aktuellen Lebenssituation passen.

     


     

    Was kann ich als Betroffener bei erektiler Dysfunktion tun?

    Zusätzlich zu dieser offenen Haltung gibt es eine Reihe wirksamer Behandlungsoptionen. Im Gespräch mit Ihrem Behandlungsteam lässt sich klären, welche Möglichkeiten zu Ihrer individuellen Situation passen.

     

      Sogenannte PDE5-Hemmer können die Erektion unterstützen, wenn die Nervenbündel im Penis nicht vollständig bei einer Operation durchtrennt wurden.

      SKAT (Injektion in den Schwellkörper) oder MUSE (Einführen eines Stäbchens in die Harnröhre) wirken direkt am Penis – auch bei geschädigten Nerven.

      Vakuumpumpe und Penisring können eine Erektion aufbauen und stabilisieren. Die Kosten übernimmt meist die Krankenkasse.

      Spezielle physiotherapeutische Übungen stärken die Muskulatur im Beckenboden. Sie können sowohl die Blasenkontrolle als auch die Erektionsfähigkeit verbessern und andere Therapien sinnvoll unterstützen.

      Schwellkörperimplantate kommen infrage, wenn andere Behandlungen nicht ausreichend helfen.

      Umgang mit der Diagnose Prostatakrebs

      Die Diagnose Prostatakrebs betrifft nicht nur den Körper, sondern das ganze Lebensumfeld mit all Ihren Beziehungen. Viele Männer fragen sich: Wie sage ich es meiner Familie? Müssen meine Freunde das wissen? Wie viel Raum soll die Erkrankung überhaupt einnehmen? Wir wollen zu diesen Fragen Denkanstöße geben.

       

      Wie sage ich es meiner Familie?

      Bei nahen Angehörigen – Partnerin oder Partner, erwachsenen Kindern, engen Vertrauten – ist Offenheit meist entlastend. Niemand muss jedes medizinische Detail kennen. Aber wenn klar ist, was los ist, kann Ihr nahes Umfeld besser reagieren und Sie gezielt unterstützen.

       

      Sohn legt tröstend und positiv zugewandt seinen Arm um seinen Vater

       

      Hilfreich kann sein:

      • für das Gespräch einen ruhigen Zeitpunkt ohne Zeitdruck wählen
      • klare, einfache Worte nutzen („Bei mir wurde Prostatakrebs festgestellt…“)
      • einen kurzen Überblick über die nächsten Behandlungsschritte geben
      • Raum für Fragen zulassen – und auch für Gefühle auf beiden Seiten

       

       


       

      Wie sage ich es Freunden und Bekannten?

      Hier gibt es kein „richtig“ oder „falsch“. Manche Männer empfinden es als entlastend, offen mit Freundinnen und Freunden zu sprechen, um nicht ständig etwas verbergen zu müssen. Andere wählen bewusst einen kleineren Kreis und behalten manches lieber für sich. Wichtig ist, dass Sie Ihren eigenen Weg finden – und Ihre Grenzen jederzeit neu setzen dürfen.

       

      Gleichzeitig lässt sich Gesagtes nicht mehr zurücknehmen. Es lohnt sich deshalb, einen Moment innezuhalten und bewusst zu entscheiden, wem Sie was anvertrauen. Reden ist wichtig – und umso wirkungsvoller, wenn Sie Ihre Worte gezielt wählen.

       

      Zur Orientierung können folgende Fragen helfen:

      • Wem vertraue ich so sehr, dass ich auch Schwäche und Unsicherheit zeigen kann?
      • Bei wem reicht vielleicht eine knappe Information („Ich bin gerade in Behandlung, brauche vielleicht etwas Unterstützung.“)?

       


       

      Wie viel Raum soll die Erkrankung einnehmen?

      Prostatakrebs darf wichtig sein, aber er muss nicht alles bestimmen. Viele Männer finden ihren Weg in einer Art „Wechselspiel“: Es gibt Zeiten, in denen die Erkrankung im Mittelpunkt steht – etwa rund um Diagnostik und Therapie – und andere Phasen, in denen bewusst Alltags- und Lebensfreude-Themen in den Vordergrund rücken. So bleibt neben der Erkrankung auch Platz für das, was Ihnen Kraft und Freude gibt.

       

      Im wertvollER Magazin auf S. 8 und 9 berichtet Fabian Völler, Diplom-Psychologe und Psychoonkologe, wie bewusste „krebsfreie Zeiten” Körper, Geist und Seele stärken, wie diese im Alltag konkret aussehen und wie Betroffene besser spüren können, was ihnen gerade guttut.

       

      Mehr zu "krebsfreien Zeiten"

       

      Dieser Beitrag wurde vom wertvollER-Redaktionsteam ausgearbeitet.

       


       

       

      Literatur

      https://register.awmf.org/assets/guidelines/043-022OLl_S3_Prostatakarzinom_2025-08.pdf
      https://www.prostata-hilfe-deutschland.de/prostata-wissen/inkontinenz-prostatakrebs-behandlung
      https://www.prostata-hilfe-deutschland.de/prostata-news/prostatakrebs-und-erektile-dysfunktion
      https://www.uniklinik-duesseldorf.de/patienten-besucher/klinikeninstitutezentren/klinisches-institut-fuer-psychosomatische-medizin-und-psychotherapie/fuer-patientinnen-und-patienten/psychoonkologie
      https://www.krebshilfe.de/infomaterial/Blaue_Ratgeber/Prostatakrebs_BlaueRatgeber_DeutscheKrebshilfe.pdf

       

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